Gymnasium Waidhofen/Thaya - das nördlichste Gymnasium Österreichs
Dir. Hofrat Mag. Dr. Harald Hubatschke
Die Gründung des Gymnasiums in Waidhofen an der Thaya geht auf eine Initiative der Stadt und ihrer Bürger zurück. In den Jahren 1863 bis 1865 hatte man in einigen Städten Niederösterreichs Mittelschulen gegründet, zusammen mit den frühen Gründungen aus der Tradition alter klösterlicher Lateinschulen existierten im Jahr 1865 insgesamt elf Gymnasien, Realgymnasien und Realschulen in Niederösterreich, davon sechs Neugründungen und fünf zum Teil sehr alte Gymnasien.
Das Waldviertel war nun deutlich unterrepräsentiert; namentlich im nördlichen Grenzbereich gab es keine höhere Schule dieser Art. Da die beiden Kremser Mittelschulen zu weit vom nordwestlichen Waldviertel entfernt waren und das Horner Untergymnasium zu wenig naturwissenschaftliche Fächer anbot, besuchten viele Schüler aus dem nördlichen Waldviertel die Gymnasien in Neuhaus (Jindřichův Hradec) und Budweis (České Budĕjovice) oder in anderen südböhmischen Städten. Diese bis dahin deutschsprachigen Schulen wurden allerdings gerade in den 60er-Jahren des 19. Jahrhunderts zu rein tschechischen Schulen mit Unterrichtssprache Tschechisch in allen Gegenständen umgestaltet.
Die Bemühungen um eine höhere Schule in Waidhofen/Thaya hatten mithin neben den regionalen und bildungspolitischen auch durchaus nationale Motive. Es bildete sich ein Kreis „vorausschauender und besorgter Männer Waidhofens“, die mit diesem Wunsch an die Gemeindevertretung herantraten. In ihrer Sitzung vom 16. November 1867 beschloss die Gemeinde die Unterstützung dieser Initiative und richtete am 16. Dezember eine Eingabe an den für Schulgründungen zuständigen NÖ Landesausschuss. Das Ansuchen war von den meisten Bürgern Waidhofens und von vielen Gemeinderepräsentanten benachbarter Orte in Niederösterreich, Böhmen und Mähren unterzeichnet. Darin wird die industrielle Bedeutung der Region (Textilwirtschaft) geltend gemacht und besonders auf den Umstand hingewiesen, dass viele Söhne von Waldviertler Familien nach Böhmen geschickt werden mussten, wenn sie studieren wollten.
Die Finanzierung des Vorhabens war gesichert, weil der Sparkassenverein Waidhofen/Thaya (heute „Waldviertler Sparkasse von 1842“) eine jährliche Unterstützung sowie für den Bau des Gymnasialgebäudes eine Summe von 10.000 Gulden zusagte. Dieses Argument war ausschlaggebend dafür, dass der Schulreferent Alfred Ritter von Arneth am 19. September 1868 im NÖ Landtag nach langen Debatten die Errichtung eines vierklassigen Realgymnasiums in Waidhofen/Thaya durchsetzen konnte, während andere Mitbewerber wie z.B. Zwettl wegen nicht gesicherter Finanzierung bereits vorher ausgeschieden waren.
Schon mitten in den Verhandlungen hatte man im Februar 1869 mit dem Bau des neuen Schulgebäudes begonnen. Mit geradezu unglaublicher Geschwindigkeit war das Gebäude fertiggestellt, und schon am 31. August 1869 konnte die Einweihung erfolgen. Mit 1. Oktober 1869 konnte der Unterricht für die 42 Schüler der 1. Klasse mit insgesamt fünf Lehrkräften beginnen.
Bereits am 1. Jänner 1872 wurde die nunmehr bereits dreiklassige Schule gänzlich in die Landesverwaltung übernommen, wodurch sich die Belastungen für die Gemeinde stark reduzierten. 1871 begann man mit dem Bau einer Turnhalle im Gymnasialhof. Im Juli 1872 war die Turnhalle fertig gestellt – rechtzeitig vor dem Schuljahr 1872/73, das die Eröffnung der 4. Klasse und damit die Vervollständigung des vierklassigen Realgymnasiums brachte.
Insgesamt 125 Schüler wurden nun in den vier Klassen von zehn Lehrkräften (darunter viele Teilbeschäftigungen) unterrichtet. Die Entwicklung der Schule verlief sodann kontinuierlich.
In den Schuljahren 1903/04 und 1904/05 wurde die Schule von dem späteren Bundespräsidenten Wilhelm Miklas geleitet. Er kam als junger Professor nach nur sechs Dienstjahren aus Horn als Direktor nach Waidhofen, kehrte allerdings bereits 1905 als Direktor nach Horn zurück, ehe er als christlichsozialer Politiker hohe und höchste Staatsämter erreichte.
1907 fasste die Stadtgemeinde gemeinsam mit der Schulleitung den Plan, die Untermittelschule Waidhofen durch eine Oberrealschule zu erweitern. Das Unter-Realgymnasium schloss nämlich nicht mit einer Matura ab und verlieh damit auch keine Berechtigung für ein Universitätsstudium. Dennoch genoss der Abschluss eines Unter-Realgymnasiums damals hohes Sozialprestige und ist in der Wertigkeit einem heutigen Maturazeugnis durchaus gleichzusetzen.
Mit dem Schuljahr 1908/09 wurde begonnen, das vierklassige Unterstufen-Realgymnasium in eine siebenklassige Realschule mit Matura umzuwandeln. Damit war aber auch die Errichtung eines neuen, größeren Schulgebäudes notwendig geworden, und darüber hinaus sollte für die auswärtigen Schüler aus allen Teilen der Monarchie endlich ein Konvikt entstehen. Das neue Schulgebäude, sehr geschmackvoll in der Manier des Jugendstils errichtet, großzügig und modern ausgestattet, war für sieben Klassen konzipiert (ein voller Bildungsgang an einer höheren Schule bis zur Matura dauerte damals sieben Jahre).
Ab 1920 durften endlich auch Mädchen die höheren Schulen besuchen, die bisher der männlichen Jugend vorbehalten waren. Im Gymnasium Waidhofen tummelten sich also 51 Jahre nach der Gründung erstmals Schülerinnen. Zwar waren sie noch jahrzehntelang in der Minderzahl, doch zeigte sich bald ihr besonderer Lerneifer und Bildungswille. Wenn man bedenkt, dass heutzutage schon längst die Mädchen in unserer Schule in der Mehrzahl sind, kann man den Paradigmenwechsel ermessen, den Republik und Demokratie induziert haben.
Die Schülerzahl stieg nach dem 1. Weltkrieg kontinuierlich an, sodass bereits Parallelklassen errichtet werden konnten. Im Zuge der schulorganisatorischen Übernahme aller Mittelschulen durch den Staat wurde 1921 aus der Landesrealschule eine Bundesmittelschule. Um 1930 wurde die Realschule schließlich in ein Realgymnasium umgewandelt.
In den Sechzigerjahren des vorigen Jahrhunderts nahm die Schülerzahl weiterhin zu, indem auch bisher bildungsfernere Gesellschaftsschichten ihre Kinder bei ausreichender Begabung der höheren Bildung im Gymnasium anvertrauten. So stieg die Schülerzahl in den Sechzigerjahren von etwas über 300 auf mehr als 550. Die 20 Klassen hatten keinen Platz im Gebäude. Es gab daher bereits „Wanderklassen“, und schon seit 1959 waren Klassen im Konviktsgebäude disloziert.
Die Schulgesetzgebung 1962 (Schulorganisationsgesetz) bewirkte eine Aufteilung des Bildungsganges vom alten Realgymnasium (mit sechs Jahren Latein und zwei Jahren Darstellende Geometrie) in ein neusprachliches Gymnasium (mit einer weiteren Fremdsprache) und ein naturwissenschaftliches Realgymnasium (mit Darstellender Geometrie bzw. verstärktem naturwissenschaftlichem Unterricht und ohne weitere Fremdsprache). Diese schulorganisatorische Zweiteilung besteht im Prinzip bis in unsere Tage (Gymnasium und Realgymnasium, daher die Bezeichnung „BG/BRG Waidhofen/Thaya“).
Da die Schülerzahl im Schuljahr 1972/73 auf 604 anstieg (davon erstmals mehr Mädchen als Burschen, nämlich 303 zu 301), war die drückende Platznot das entscheidende Problem für die Schule. Nach vielen Vorbereitungen und jahrelangen Verhandlungen konnten im September 1982 endlich die Arbeiten für einen neuen Zubau und für die folgende Generalsanierung des „Altbaus“ von 1909 beginnen. Es wurde wahrhaftig ganze Arbeit geleistet, sodass eine der schönsten Schulen Österreichs das Ergebnis war. Der Stil des Neubaus passt trotz einer gewissen Modernität perfekt zu dem Jugendstilbau von 1909. Am 28. Juni 1990 wurde das vollendete Bauwerk durch die zuständige Unterrichtsministerin Dr. Hilde Hawlicek, den Landeshauptmann von Niederösterreich, Mag. Siegfried Ludwig, und sogar durch den damaligen Bundespräsidenten Dr. Kurt Waldheim feierlich eröffnet, was eine besondere und seltene Ehre darstellt.
Heute gilt das Waidhofner Gymnasium, die älteste allgemein bildende höhere Schule des oberen Waldviertels, als eine der elegantesten Schulen Österreichs. In ihr harmoniert modernste künstlerische und technische Ausstattung stimmig mit dem historischen Ambiente des Jugendstilgebäudes. In diesem nördlichsten Gymnasium Österreichs studieren rund 600 Schülerinnen und Schüler und lehren mehr als 50 Akademiker als Professorinnen und Professoren.
Die Initiative von "Familia Austria", das "Verzeichnis aller an der Anstalt in den Schuljahren 1870 - 1894 aufgenommenen Schüler m. Angabe ihres gegenwärtigen Berufes (Beschäftigung) und Aufenthaltsortes" aus dem Jahresbericht 1894 zum 25jährigen Bestand des NÖ. Landes-Realgymnasiums Waidhofen an der Thaya zu publizieren, ist außerordentlich hoch einzuschätzen. Dadurch werden aus der lokalen Geschichte eines Gymnasiums die damaligen Beziehungen zwischen verschiedenen Kronländern deutlich - ein Faktum, das sich innerhalb der EU erst wieder langsam wird entwickeln können. Als Direktor des BG/BRG Waidhofen an der Thaya gratuliere ich "Familia Austria" sehr herzlich zu diesem Projekt und wünsche viele interessierte Benutzer und Benutzerinnen.
Hofrat Mag. Dr. Harald Hubatschke
Direktor des BG/BRG Waidhofen an der Thaya
Landes-Realgymnasium Waidhofen an der Thaya, 25 Jahrfeier - 1894 - Schüler 1870-1894 (264 kB) Stand 01.05.2010
Quelle: Jahresbericht , Landes-Realgymnasium Waidhofen a. d. Thaya 25 Jahrfeier 1869 - 1894, Waidhofen a. d. Thaya 1894
Michael Ambrosch
Wien, 01.05.2010