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Wenn man nicht Deutsch kann!

Der Volksfreund liebt auch die Sprache seines Volkes. Darum hat er's nie begreifen können das die Deutschen, welche die reichste Sprache der Welt ihr eigen nennen und nach oberflächlicher Schätzung nicht weniger als eine halbe Million Wörter vorrätig haben, gegen hunderttausend fremde Wörter ausleihen müssen, um sich verständlich zu machen.
Der Volksfreund hat immer gemeint, so reiche Leute sollten stolz sein auf ihr von den Vätern ererbtes und von den erleuchtetsten Geistern ehrlich vermehrtes Besitztum und sollten nicht betteln gehen in ausländische Sprachküchen.

Leider hört man aber in den schönen deutschen Landen seit Jahrhunderten fremdes Gequietsche, und je mehr einer lateinische griechische, französische und weis Gott was für Brocken in seine gesunde deutsche Kraftsuppe eintunkt, für desto gescheiter und aufgeklärter hält er sich.

Ja, es ist schon so weit gekommen mit dieser Krankheit, das gewöhnliche Leute, welche nicht Zeit haben zum Nachdenken wegen der bitteren Sorge ums tägliche Brot, nimmermehr wissen, was deutsch und was fremd ist, und einen wohlmeinenden Deutschen, der will, das seine Muttersprache rein werde, angaffen.

Dem Volksfreunde ist es einmal selber so gegangen vor nicht gar langer Zeit. Er kommt in einen Kaufladen und verlangt zehn Postkarten für sein bares Geld.

Da schaut ihn das alte Weiblein hinter dem Ladentisch groß an über ihre Messingbrille und sagt : "Postkarten haben wir keine".

 

Der Volksfreund läßt sich aber nicht abspeisen, weil vor der Tür ein Schildlein hängt mit der Inschrift :
"Verkauf von Postwertzeichen". Er verlangt also nochmals Postkarten, das Stück zu fünf Heller. Jetzt geht dem Weiblein ein Licht auf und es belehrt den Käufer : "Korrespondenzkarten sagt man! Da sind sie.''


Auf das hin verlangt der belehrte Volksfreund zehn Briefhüllen. Neues Staunen , neue Verlegenheit. "Zu was brauchen Sie denn diese Dinger ?". "Ich will Briefe einmachen". "Dann müssen Sie Kuvert sagen." So bekommt der Volksfreund auch seine Briefhüllen, und wie er gehen will, erblickt er zu seinen Füßen einen räudigen Hund. Er hat Mitleid mit dem kranken Tiere und gibt dem Weiblein ein gutes Mittel an gegen die Räude : es solle nämlich ihre Lydia jeden Tag ein paar mal einschmieren mit Erdöl.


Die gute Alte macht wieder ein ellenlanges Gesicht.

"Sie, Herr, kriegt man die Salbe in der Apotheke?" "Warum nicht gar! Da hängt ja eine Lampe, in der Sie Erdöl brennen. Solches müssen Sie nehmen." "Ja so", sagt die Frau, "das ist aber kein Erdöl, das ist Petroleum."

Da hat der Volksfreund einstweilen genug gelernt gehabt und ist gegangen, hat aber unter der Tür noch hören müssen, wie die Handelsfrau ihrem Dienstmädchen ins Ohr geraunt hat :

der Herr muß auch ein Fremder sein, weil er nicht Deutsch kann."

Wenn man nicht Deutsch kann wurde entnommen dem Werke "Aus der Mappe eines Volksfreundes"; und enthält; wie die meisten Bücher Wichners kurze, volkstümliche, ernste und heitere, häufig belehrende Erzählungen. Er nennt sich selbst als Volksfreund.

Und wie sehen wir heute diesen Text

Der Hobbysprachforscher wird längst entdeckt haben, daß heute gebräuchliche Wörter abstammen:

Post lat. / ital.

Karte griech.

Brief lat.

usw.

Das Lexikon nennt :

Sämtliche Sprachen der Erde haben gemeinsamen Ursprung und zerfallen in 3 große Hauptfamilien oder Sprachstämme, den eurasischen, den austrasischen und amerikanischen Sprachstamm.

Die Gesamtzahl der bekannten Sprachen beträgt über 1200 .

Und so bilden die Familiennamen bezw. Sprachen auch dann noch einen Hinweis auf die Herkunft der Vorfahren,

wenn längst keine schriftl. Aufzeichnungen mehr auffindbar sind.