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Die Päpstin Johanna.

Ein Weib auf dem Stuhle Petri!
Es klingt wie eine Fabel, und die meisten neueren Kirchenhistoriker, einerlei ob Katholiken oder Protestanten, vertreten auch die Ansicht, daß die Geschichte von der Päpstin Johanna eines jener vielen wunderlichen Märchen sei, die der Sensationsgier und Phantasterei des Mittelalters ihre Entstehung verdankten, aber einen einwandfreien Beweis für diese Behauptung hat bisher noch niemand zu erbringen vermocht.

Die Päpstin Johanna bleibt nach wie vor ein ungelöstes Rätsel, trotz des Streites, der nun schon bald fünfhundert Jahre zwischen den Gelehrten um sie tobt, trotz der eifrigsten Versuche allzugewissenhafter Jesuiten, ihre Spuren zu verwischen und trotz des objektiven Wahrheitsdranges einiger protestantischer Forscher, ihre Existenz zu verneinen.

Man kann sagen: seit der Reformation ist die Kontroverse über den weiblichen Papst — einige Atempausen abgerechnet — nie ganz verstummt. Die Literatur, die sie in einer Unzahl von Flugschriften, Broschüren, Traktaten, grundgelahrten Dissertationen, schmähsüchtigen Apologien und umständlichen dickleibigen Folianten bislang angehäuft hat, würde zum Bestande einer stattlichen Schloßbibliothek ausreichen. Während der eine Teil der Verfasser sich auf die Suche nach Wahrscheinlichkeitsbeweisen und triftigen Argumenten für die Existenz der Päpstin abmüht — der Herr von Spanheim zitiert allein aus dem Zeitraum vom dreizehnten bis zum Beginn des siebzehnten Jahrhunderts hunderundfünfzig Zeugen — und während dabei die aberwitzigsten und spitzfindigsten Deutungen zum Vorschein gelangen, setzt der andere Teil Himmel und Hölle in Bewegung, um jene kühnen Verfechter zu widerlegen und bedient sich in emsigem Wetteifer mit feinen Gegnern nicht minder lächerlicher Hilfsmittel zur Bekräftigung seiner Thesen.

Eine Dame, der so viele uneigennützige Anwälte im Laufe der Jahrhunderte erstanden sind und die mehr Biographen gefunden hat als je eine Königin älterer und neuerer Zeit, verdient es ohne Zweifel — mag sie Päpstin gewesen sein oder nicht —, daß man sich mit ihrer Persönlichkeit beschäftigt. Wenn sich überhaupt der Mythos von einem weiblichen Papst bilden konnte, so waren irgendwelche Gründe vorhanden, die das möglich erscheinen ließen; denn schließlich steckt in jeder Legende ein Körnchen Wahrheit, verbirgt sich hinter jeder Geschichtsfabel ein bestimmtes Vorkommnis. Endlich gibt gerade in diesem Falle der ungeheure Eifer, mit dem jesuitische Sachwalter bei der Herausgabe mittelalterlicher Chroniken alle auf die Päpstin hinweisenden Stellen zu tilgen oder zu fälschen suchten, doch zu manchem Bedenken Anlaß.

Daß das elfte und zwölfte Jahrhundert sich über den weiblichen Papst ausschwiegen, ist nicht verwunderlich: die Kirche stand noch im Kampf um ihre Macht und jedes, ihr Ansehen gefährdende Ereignis mußte ihr darum ungelegen sein. Später, als sie erstarkt war und noch häßlichere Flecken an dem Kleide seiner Heiligkeit sichtbar wurden, brauchte sie sich des Vorgefallenen nicht mehr zu schämen, gestattete sie sogar, daß man im Dom zu Siena in der Reihe der übrigen Stellvertreter Petri die Büste eines weiblichen Nachfolgers aufstellte. Ja, als Johannes Huß auf dem Konzil in Konstanz sich zur Bekräftigung seiner Lehre auf die Päpstin Johanna berief, um damit darzutun, daß die römische Kirche keineswegs so unbefleckt geblieben sei, wie man annähme, wagte von den anwesenden 22 Kardinälen, 49 Bischöfen und 272 Theologen keiner einen Widerspruch.

Erst als die päpstliche Hierarchie durch die Reformation in ihren Grundfesten erschüttert wurde, verwandelte sich eines schönen Tages Johannes Büste im Dom zu Siena auf Befehl Clemens VIII. in die des Papstes Zacharias, verschwanden allmählich in den Chroniken, von geschickten Händen getilgt, alle Hinweise auf den weiblichen Papst.

Diese Umstände sprechen sehr zuungunsten jener, die das Dasein der Päpstin leugnen. Noch deutlicher aber reden die damaligen Zeitverhältnisse, die wie geschaffen waren, kühnen abenteuerlichen Gelüsten als Tummelplatz zu dienen. Niemals — es sei denn in der Aera Alessandro Borgias — stand das Papsttum im Zeichen einer solchen Verwilderung der Sitten wie im neunten und noch mehr im zehnten Jahrhundert. Die Unwissenheit des Klerus spottete jeder Beschreibung. Im Jahre 846 soll es, nach den Berichten eines Zeitgenossen, Priester gegeben haben, welche die Kinder „in nomine Patria, Filia et Spirita sancta“ getauft hätten. Der Erlaß eines Gesetzes, nach dem die Priester die Kenntnis des Vaterunsers nachweisen mußten, illustriert trefflich den Bildungsgrad der Geistlichkeit. Mit dieser Ignoranz paarte sich eine schrankenlose Willkür bei der Besetzung der höheren kirchlichen Ämter. Alle traditionellen Zeremonien und Vorschriften wurden mißachtet und der Gewalt allein die Entscheidung in die Hände gelegt. So geschah es nicht selten, daß die auf den päpstlichen Stuhl kandidierenden Prälaten, von Pöbelhaufen begleitet, mit Knütteln und Steinen um den vakant gewordenen Herrscherthron kämpften. Daneben spielten, wie zur Zeit der römischen Soldatenkaiser, Käuflichkeit und Bestechlichkeit eine verhängnisvolle Rolle. Letzten Endes waren diese Erscheinungen nur die Folge dessen, daß das Papsttum sich von einer geistlichen Macht immer mehr zu einer weltlichen entfaltete, daß es darauf ausging, seine politische Einflußsphäre immer weiter auszudehnen, die Schar seiner Vasallen zu vermehren und die Einkünfte zu vergrößern; denn dadurch entfachte es den Neid der Campagnabarone, die nun ihr ganzes Sehnen und Streben auf den Besitz der Tiara zu richten begannen, und begünstigte den Aufstieg skrupelloser und verderbter Kreaturen.

Wie stets zu gewissen Zeiten, denen rücksichtslose politische Machtbegierde das Gepräge verleiht, ehrgeizige Frauen sich als maßgebende Faktoren vordrängen und unlautere Elemente zum Erreichen hochgesteckter Ziele mißbrauchen, so griff auch jetzt zu Beginn des zehnten Jahrhunderts weibliche Herrschsucht, die verworrene und unbeständige Lage der Kurie ausnutzend, in das Schicksal der päpstlichen Hierarchie ein. Frauen, ausgezeichnet durch äußere Schönheit, schlau und klug im Erfassen der jeweiligen politischen Situation, aber von einem leidenschaftlichen, über alle Schranken der Sittlichkeit sich hinwegsetzenden Ehrgeiz beseelt, zügellos in Lebenswandel und Gesinnung, schwangen sich zu Lenkerinnen Roms empor.

Den Einfluß, den die ebenso intelligente wie lasterhafte Senatorenfrau Theodora mit ihren verführerisch schönen, doch in höchstem Maße sittenlosen Töchtern Marozzia und Theodora eine Zeitlang auf den Vatikan ausübte, läßt sich vielleicht nur mit dem einer Maintenon im Frankreich des Sonnenkönigs vergleichen. „Sie gab ihre eigenen Töchter,“ schreibt Basonius, „der Geistlichkeit und dem Adel preis, aber sie verfügte über den päpstlichen Thron und erhob Verbrecher und Pseudopäpste auf den Heiligen Stuhl.“ Acht Päpste gelangten unter Mitwirkung dieses sauberen Dreibundes zur Herrschaft. Aber sie waren auch darnach. Abenteurer waren es, die der Zufall in die lüsternen Arme jener Buhlerinnen getrieben hatte und die ihres Erfolges sich nur so lange freuen durften, als die launige Gunst Amors ihnen hold blieb. Sie mußten stets gewärtig sein, ihren Sitz einem andern zu räumen, wenn die Neigung ihrer mächtigen Gönnerinnen erkaltete. Und schnell war auch immer ein williger Priester zur Stelle, der den unbequem gewordenen Liebhaber auf einen geheimen Wink beiseite schaffte. Dem Mörder winkte dann gewöhnlich für diese elende Tat „aus Liebe“ als verlockender Lohn — die Tiara.

Kann es angesichts solcher Zustände, die den Frauen einen derartig einschneidenden Einfluß auf die Papstwahl zubilligten, wohl Erstaunen erregen, wenn sich ein Weib vermaß, selbst die Rolle eines Papstes zu spielen? Man braucht gar nicht, mildernde Umstände zur Rechtfertigung dieser Annahme suchend, zu der Hypothese eines gewissen Galiffe Pictet Zuflucht zu nehmen: ihr zufolge soll Johanna die heimliche Frau Leos IV. gewesen sein, soll sie nach seinem Tode, während ein heftiger Streit um die päpstliche Nachfolge entbrannte, die Zügel der Regierung in die Hand genommen und dieselben so lange behalten haben, bis die neue Wahl erfolgt war. Die den allgemeinen Sittenverfall kennzeichnenden Verhältnisse dürften allein genügen, um das Vorhandensein einer Päpstin in den Bereich der Möglichkeit zu rücken.

Daß natürlich die Volksphantasie die nackte Tatsache mit vielen legendarischen Momenten umsponnen haben mag, steht außer Zweifel. Wahrheit und Dichtung hier voneinander zu trennen, ist eine kaum lösbare Aufgabe. Man muß also, will man ein Bild der Päpstin Johanna entwerfen, alles sagenhafte Beiwerk mit berücksichtigen. Dann enthüllt sich vor einem die Gestalt einer intelligenten und schlauen Frau, die ein glühender Ehrgeiz in die Wirrnisse eines Abenteurerlebens trieb.
Wer war die Päpstin Johanna? — Schon über ihren Namen, und über ihre Heimat gehen die Ansichten auseinander. Einige nennen sie Agnes, andere Gilberta, Isabella, Margareta, Dorothea, die meisten jedoch Johanna und der Volksmund — Jutta. Wir wollen uns an den gebräuchlichsten Namen — Johanna — halten.

Johanna wurde, nach einer Version in England, nach einer anderen in Mainz, nach einer dritten in Ingelheim geboren. Wahrscheinlich war sie die Tochter eines angelsächsischen Mönches, der zu Beginn des neunten Jahrhunderts seine Heimat verlassen hatte, um an dem eifrig betriebenen Bekehrungswerk der heidnischen Sachsen teilzunehmen. Die englischen Geistlichen standen damals hinsichtlich ihres Lebenswandels in keinem sonderlich guten Ruf. Fortwährend wurden Klagen über ihr ausschweifendes Leben, ihr unzüchtiges Treiben, ihre wüsten Gelage und Prassereien laut. Sie verschwendeten nicht nur die ihnen von den Königen hinterlassenen Legate, sondern auch die für Almosen bestimmten Gelder, welche die Großen des Reiches ihnen anvertrauten. Es ist wohl leicht denkbar, daß Johannas Vater ebenfalls zu jenen Defraudanten gehört und, als ihm der Boden unter den Füßen zu heiß geworden, unter Mitnahme seiner Konkubine das Weite gesucht hatte. Auf der Wanderschaft ist er dann nach Mainz gekommen, wo seine Begleiterin einem Töchterchen das Leben schenkte.

Mochte der geflüchtete Mönch nun auch ein arger Lebemann gewesen sein, so scheint er doch seine Vaterpflichten nicht vernachlässigt zu haben. Jedenfalls ließ er Johanna eine gute Erziehung angedeihen und lehrte sie selbst die Anfangsgründe der Wissenschaften. Das Mädchen war begabt und entwickelte sich schnell zu einem gelehrten Wunderkinde. Doch das leichte Blut des Vaters rollte auch in den Adern der Tochter. Mit zwölf Jahren verliebte sie sich in einen jungen Mönch aus Fulda und verließ heimlich seinetwegen das Vaterhaus. Um in der Nähe des Geliebten zu bleiben, legte sie Männerkleider an und trat in die Abtei von Fulda ein, wo sie als Mönch den Namen „Johannes der Engländer“ annahm. Unter dem schützenden Klosterdach entfaltete sich nun ein Idyll von eigenartigem Reiz. In den freien Stunden außerhalb der Buß- und Andachtsübungen wurden gemeinsam die großen Folianten der Klosterbibliothek durchstöbert und der Hunger nach Erkenntnis und Wissen gestillt; doch wenn das Ave verklungen war, vereinigte Gott Amor die beiden Liebenden zu traulichem Stelldichein. So verrannen Wochen und Monate in ungestörtem Glück. Die Gefahr der Entdeckung, die wie ein Damoklesschwert über den Häuptern der jungen Leute schwebte, mahnte jedoch zur Besinnung und Vorsicht. Und als sie sich vor Aufpassern nicht mehr sicher wähnten, reifte in ihnen der kühne Entschluß zur Flucht. In einer dunklen Nacht wurde sie ausgeführt.

Ob Johanna sich nun, wie einige Chronisten meinen, mit ihrem Gefährten nach England gewandt und erst nach dem Tode des Geliebten die Romreise unternommen habe, oder ob sie gemeinsam mit ihm nach Athen gepilgert sei — was der Darstellung anderer wiederum entspricht —, läßt sich nicht entscheiden. Etliche behaupten außerdem, sie habe in Paris studiert und dort den Magistergrad erworben. Diese Vermutung klingt wahrscheinlicher als die, nach der Johanna ihre wissenschaftliche Ausbildung in Athen erlangt habe, weil sich Paris schon damals zu einer Pflegestätte scholastischer Gelehrsamkeit zu entfalten begann. Die Schule von Athen dagegen hatte ihre Bedeutung längst verloren.

Zwar war die Vorstellung noch immer wach, daß jeder, der es zu einer hohen Stellung bringen wollte, an der Quelle antiker Kultur seine Weisheit geschöpft haben müßte, aber in Wirklichkeit zog in jenen Jahren niemand aus dem westlichen Europa nur zu Studienzwecken nach Athen.
Johannas Ziel war Rom. Dorthin strebte die Sehnsucht aller ehrgeizigen Geister. Dorthin pilgerten auch schon im frühen Mittelalter Frauen in Mönchsgewändern, teils von Frömmigkeit, teils von Abenteuerlust getrieben. Auch Johanna lockte der Nimbus der ewigen Stadt. Aber sie machte die weite Reise ohne ihren Freund. Vielleicht war er gestorben, vielleicht hatten sie sich voneinander getrennt; jedenfalls scheidet er fortan aus den Berichten der Chronisten aus. In Rom spielte Johanna ihre männliche Rolle weiter. Sie wußte, daß sie zu Ansehen und Amt nur mit Verleugnung ihres Geschlechtes aufsteigen könnte, und sie folgte darin dem Beispiel Eugenias, der Tochter des Präfekten von Alexandrien zur Zeit des Kaisers Galienus, die viele Jahre mit Mönchen zusammengelebt und schließlich die Würde eines Abtes erlangt hatte. Niemand vermutete eine Frau in dem jugendlichen Geistlichen, der durch sein schönes Äußere und einschmeichelndes Wesen im Fluge alle Herzen eroberte. Zu diesen Vorzügen gesellte sich noch eine umfassende Gelehrsamkeit.

Die Schule, die „Johannes Anglicus“ nach griechischem Muster in Rom eröffnete und in der die sieben freien Künste gelehrt wurden, erfreute sich bald eines ungewöhnlichen Zuspruchs. Söhne der vornehmsten Familien, Magister, Doktoren, Fürsten stellten sich als Hörer ein und lauschten begierig den Worten, die über die schmalen, mädchenhaften Lippen des jungen Gelehrten flossen. Man kann im Zweifel darüber sein, ob die vorgetragene Weisheit oder die unbewußt den Hörern sich mitteilende Weiblichkeit des Dozenten die größere Anziehungskraft ausströmten. Eine gewisse Koketterie scheint Johanna bei der Ausübung ihrer Lehrtätigkeit beherrscht zu haben. Sie gefiel sich in ihrem Präzeptorenamte, und es war ihr weniger an den wissenschaftlichen Ergebnissen als an dem äußeren Erfolg ihrer Akademie gelegen. Sie wollte, daß ganz Rom von ihr redete, daß man sie bewunderte und verehrte. Und diese Absicht erreichte sie auch. Ihr Ruf drang in immer weitere Kreise, nicht nur in die der Gebildeten, sondern auch unter das Volk; die Kardinäle und höheren Prä-laten wurden auf sie aufmerksam, und von allen Seiten strömten ihr Worte der Anerkennung und Achtung zu.
Kein Wunder, wenn dieser allgemeine Beifall sie berauschte und ihren glühenden Ehrgeiz steigerte. Hatte sie bisher die Gunst so vieler einflußreicher Persönlichkeiten zu erringen gewußt, warum sollte sie ihre Ziele nicht noch höher stecken?

Ihre lebhafte Phantasie holt zu kühnem Fluge aus. Auf dem päpstlichen Stuhl sitzt ein Mann, der seine Vorgänger an Tatkraft und Umsicht weit überragt: der Longobarde Leo, Sohn Radoalds. Er hat die Sarazenen im Seekrieg bei Ostia geschlagen, er hat die verfallenen Mauern Roms wieder aufgerichtet und die Civitas Leonina gegründet, er hat den Portus, die einst berühmte Hafenstadt Roms, befestigt und neu belebt, er hat herrliche Kirchen erbaut; man spricht von ihm als einem zweiten Aurelian, und die Römer vergöttern ihn. Sein Nachfolger wird gegenüber diesem Liebling des Volkes eine schwere Stellung haben. Er muß sich an Beliebtheit mit ihm messen können, er muß sich ganz auf die Schultern des Volkes stützen. Unter den Kardinälen ist niemand, der sich dessen rühmen darf. Nur einer wird von der Gunst der Menge getragen und es heißt sogar, daß Seine Heiligkeit selbst ihm gewogen sei — Johannes der Engländer, das Wunder von Rom. Er selbst aber nährt in seiner Brust den einzigen heißen Wunsch, jenem im Amte zu folgen, und alles, was er tut und spricht, geschieht allein in der Voraussicht auf dieses Ziel.

Am 17. Juli 855 — nach einer anderen Version am 1. August 854 — schließt Leo IV. die Augen. Die ganze Stadt gerät in Verwirrung. Wer soll nun Papst werden? Diese Frage beunruhigt alle Gemüter. Schon regen sich hier und dort ehrgeizige Streber, wie der von Leo abgesetzte Kardinal Anastasius, und sammeln ihre Anhänger. Erbitterte Kämpfe wie zu Zeiten Leos III. und Paschalis I. scheinen bevor zu stehen. Blut wird wieder in den Gassen Roms fließen. Da schwirrt plötzlich das Gerücht durch die Stadt, die Kardinäle hätten Johannes den Engländer zum Papst gewählt, weil ihnen niemand würdiger erschienen wäre, der Christenheit vorzustehen, als dieser Meister theologischer Gelehrsamkeit und dieses Vorbild christlicher Vollkommenheit, und tausendstimmiger Jubel dröhnt dem neuen Statthalter Christi entgegen, während er in feierlichem Zuge zum Lateran schreitet, wo er sich als Johann VIII. die Tiara auf das Haupt setzt.

Das Volk billigt einmütig die Wahl. Das Mädchen aus Mainz hat den heiß ersehnten Gipfel seines Strebens erreicht. Es bleibt ihm nichts mehr zu wünschen übrig. Das Unglaublichste, was Abenteurerphantasie zu ersinnen vermag, ist Tatsache geworden: ein Weib sitzt auf dem Stuhle Petri! Die kühnsten Wagnisse unerschrockener Glücksritter aller Zeiten schrumpfen angesichts dieses Ereignisses zu unbedeutenden Harmlosigkeiten zusammen. Die Schlauheit einer Frau hat den Triumph über sie alle davongetragen. Wird sie aber auch die Fähigkeiten haben, den bisher raffiniert gesponnenen Betrug bis zum Ende durchzuführen? Ihr anfängliches Verhalten läßt es vermuten.

Sie schickt sich trefflich in ihr verantwortungsvolles Amt. Mit einer Selbstverständlichkeit ohne gleichen übernimmt sie alle kirchlichen Verrichtungen, obwohl sie weiß, daß sie Frauen vom Gesetz untersagt sind. Sie ordiniert Priester, ernennt Bischöfe und Äbte, weiht Kirchen und Altäre ein, zelebriert Messen, teilt die Sakramente aus, erfüllt mit anderen Worten alle zeremoniellen päpstlichen Obliegenheiten. Auch in die Politik greift sie mit Verständnis ein: sie mehrt die zusammengeschmolzenen Finanzen des Kirchenstaats durch ein neues Sparsamkeitssystem, schafft verschiedene Mißbräuche ab, empfängt den König von England mit seinem Sohne Alfred und macht sich den widerspenstigen Fürsten gefügig. Alles, was sie unternimmt, verrät Weitblick und Klugheit, und die Römer sind stolz auf die Weisheit ihres Papstes.

Johanna könnte nun im Vollgefühl ihres Glückes schwelgen, aber ein leiser Kummer beginnt an ihrer Seele zu zehren. Ist es Reue über den verübten frevelhaften Betrug? Fürchtet sie etwa die Strafe des Himmels? Oder regt sich gar in ihrem Gemüt mahnend die Frömmigkeit? — Nein, Gewissensbedenken sind es nicht, die sie quälen. Darüber setzen Ehrgeiz und Eitelkeit sie hinweg. Was sie verdrießt und peinigt, ist ihre Einsamkeit. Sie hat keinen Freund, dem sie sich offenbaren darf, und ihr Herz hungert nach Liebe. Sehnsüchtig denkt sie zuweilen an das Klosteridyll zurück, das ihr Geheimnis mit einem romantischen Zauber umsponnen. O wäre der einstige Gefährte jetzt in ihrer Nähe! Ihre ganze päpstliche Herrlichkeit würde sie opfern für die Erneuerung jenes Liebestraumes. Damals war sie ein knospendes Mädchen, heute ist sie ein reifes Weib in der Blüte der Jahre, voll leidenschaftlichem Begehren. An Männern fehlt es nicht, zu denen sie sich hingezogen fühlt. Doch wenn sie der, auf den ihre Wahl fällt, verrät? Mit der Preisgabe ihres Geheimnisses würde sie sich ganz und gar der Willkür des Geliebten ausliefern, er könnte mit ihr schalten und walten nach Belieben, sie hätte keine ruhige Stunde mehr, sie müßte ständig in der Sorge leben, entlarvt und von der stolzen Höhe ihrer Macht in Schimpf und Schande gestürzt zu werden. Diese Angst hemmt Johannas Entschluß. Doch endlich übertönt die Stimme der Natur alle Erwägungen und Bedenken. Sie trifft die Wahl: ein Kammerdiener — einige behaupten ein Kardinal — wird von ihr zum Liebhaber erkoren.

Monate sind verstrichen. Johanna fühlt sich Mutter. Das weite Papstgewand kommt ihrem Zustande trefflich zustatten: es verbirgt ihn vor den Augen der Welt. Doch wie lange? Einmal muß ja doch der Tag kommen, der ihre Mutterschaft offenbart. Aber sie scheint sich deswegen noch keine Gedanken zu machen. Ihr erfinderischer Geist rechnet bereits mit der Möglichkeit, dem abergläubischen Volk ein Wunder vorzutäuschen. Warum sollte die urteilslose Menge, die schon die aberwitzigsten Gerüchte für Wahrheit hingenommen hatte, nicht auch an die Tatsache glauben, daß ein Papst ein Kind geboren habe? Vielleicht würde man sie daraufhin sogar heilig sprechen? Die Gelegenheit zu einem Wunder ist günstig, denn überall ereignen sich seltsame Dinge: Erdbeben beunruhigen im Süden das Volk, in Frankreich soll ein Blutregen niedergegangen sein, über Rom ziehen, die Sonne verdüsternd, Heuschreckenschwärme, fallen in das Meer, werden von den Wellen ausgespült und verpesten mit ihren Kadavern die Luft, so daß Menschen und Tiere an dem eingeatmeten Gift sterben. Der Papst muß immer wieder vor den aufgeregten Massen erscheinen und durch Gebete den Zorn Gottes besänftigen.

Bei einer dieser Prozessionen nun geschieht das überraschende Ereignis: auf dem Wege zwischen Sankt Peter und dem Lateran wird Johanna von den Wehen überrascht und schenkt einem Kinde das Leben. Aber das Volk fällt nicht auf die Knie und preist nicht seinen geliebten Papst als Wundertäter, sondern es schleift ihn hinaus vor die Tore Roms und steinigt ihn samt seinem Kinde.

JohannaAn jener Stelle, wo die Päpstin Johanna niedergekommen und wo sie nach anderen Berichten — auch unmittelbar nach der Geburt gestorben sein soll, befand sich jahrhundertelang ein Stein, den man allgemein für ihr Grabmal hielt. In diesem Stein war eine mysteriöse Inschrift eingemeißelt, die auf die mannigfaltigste Weise von den späteren Chronisten gedeutet wurde.

Stephan de Bourbon, der älteste Zeuge, las:

Parce Pater Patrum papissae prodere partum ( Schone, Vater der Väter, die Päpstin, die ein Kind zur Welt brachte).

Andere wiederum meinten, es hieße:

Papa Pater Patrum papissae pandito partum (O Papst, Vater der Väter, bereite die Päpstin zur Geburt).

Endlich fand sich auch noch die Erklärung:

Papa Pater Patrum peperit papissa papellum (Der Papst, Vater der Väter, hat wie eine Päpstin einen kleinen Papst geboren).

 

 

Ob die Inschrift nun wirklich mit der kecken Abenteurerin in irgendeinem Zusammenhang stand, läßt sich heute nicht mehr ermitteln. Döllinger, der am heftigsten gegen die Glaubwürdigkeit der Geschichte von der Päpstin Johanna eifert, behauptet, es habe sich um einen Stein gehandelt, der von einem Mithraspriester dort gesetzt worden sei. Jedenfalls zerbrachen sich die Geistlichen und Gelehrten jahrhundertelang über die rätselhafte Inschrift den Kopf, während das Volk an seiner ursprünglichen Annahme, daß unter dem Stein die Päpstin begraben liege, hartnäckig festhielt, ebenso wie es der Überzeugung war, daß eine in Rom aufgefundene antike Statue, die eine heidnische Göttin mit einem Kinde darstellte, auf niemand anders als auf die Genannte sich bezöge.

Endlich sah das Volk noch in einem dritten Gegenstande die Bestätigung dessen, was es glaubte. In dem Oratorium St. Sylvesters neben dem Lateran standen zwei alte durchbrochene Sessel aus hellrotem Porphyr, die vermutlich einst ein römisches Bad geschmückt hatten. Auf einem dieser durchlöcherten Sessel pflegte der neu eingeweihte und gekrönte Papst die Schlüssel der Kirche zu empfangen, auf dem anderen sie zurückzugeben. Es sollte damit angedeutet werden, daß er von seiner Macht Besitz ergriffen habe. Diese Sitte, die im Jahre 1099 unter Paschalis II. aufgekommen zu sein scheint, wurde nun vom Volk als eine Geschlechtsprüfung aufgefaßt. Es glaubte, man wolle öffentlich feststellen, ob der erwählte Papst auch wirklich ein Mann sei, damit die Kirche nicht nochmals das Opfer eines schändlichen Betruges würde. Auch Allessandro Borgia mußte sich einer solchen Prüfung unterziehen. Erst Leo X. schaffte sie ab, wie man sagt, aus Anlaß der vielen boshaften Epigramme, die diese Sitte verspotteten.

Jene drei Gegenstände und nicht zuletzt der eingebürgerte Brauch, bei Prozessionen zwischen St. Peter und Lateran eine bestimmte Straße zu meiden, in welcher — der Überlieferung nach — die Entbindung Johannas vor sich gegangen sein soll, haben zu der Befestigung und Verbreitung der Sage das meiste beigetragen. Mochten auch später Zweifler auftreten und die Existenz der Päpstin anfechten, das Volk ließ sich dadurch nicht beirren. Die Vorstellung von einem Weibe, das durch List und Betrug sich die Tiara erschlichen, hatte so tief in seinem Empfinden Wurzel gefaßt, daß die Theologen durch nüchterne Argumente sie nicht mehr zu zerstören vermochten. Und nicht allein in Italien, sondern auch in Frankreich und Deutschland lebte sie weiter. Ja sogar die Dichter gaben ihr Gestalt.

Martin le Franc, Probst zu Lausanne, besang Johanna in einen, großen schwülstigen Gedicht, und der Mühlhäuser Geistliche Theoderich Schernberg behandelte sie in einen Drama, das zu den ältesten unserer Literatur gehört: dem Spiel von der Päpstin Jutta. Obschon sich der Vorfall allmählich im Laufe der Zeit zu einer Fabel verdichtet hat, so bleibt das Ganze doch ein ungeklärtes Rätsel, dessen Lösung man sich am ehesten nähert, wenn man die Geschichte von der Päpstin Johanna als Satire auf das liederliche Weiberregiment verschiedener Kirchenoberhäupter des zehnten und elften Jahrhunderts deutet.

Aus: Tornius, Abenteurer, - Leipzig 1919.