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Aus der Türkenzeit.

Alle Zeitangaben in dieser Erzählung wie z.B.: heute - jetzt usw. beziehen sich auf das Jahr 1888.

Wiens erste Belagerung 1529.

trk8Nicht bloß die Stürme des dreißigjährigen Krieges verheerten viele Gegenden unseres Vaterlandes, noch ärgere Not und Drangsal brachte der Türke über unsere blühende Länder.

Seit den Tage von Mohács war derselbe für Ungarn und Österreich durch zwei Jahrhunderte ein Schreck und Greuel.

Auf der Schloßburg zu Ofen (dem heutigen Budapest) pflanzte er den Halbmond auf, und bis in die wallenden Kornfelder der Donau und die stillen Täler der Alpen wälzten die furchtbaren Osmanen ihre beutegierigen Scharen. Da waren Österreichs Herrscher im Bunde mit ihren treuen Völkern ein festes Bollwerk des christlichen Glaubens und der abendländischen Gesinnung, die sie vor den wilden Horden schirmten - und retteten.

So wollen wir denn, damit dem lichten Bilde unserer Erzählung auch ernstere Züge nicht fehlen, eine Schilderung jener Zeiten höchster Not und Bedrängnis folgen lassen.

Zweimal, im Jahre 1529 und 1683, war Wien mit seinen tapferen und entschlossenen Bürgern einer feste Schutzwehr, an der sich die blinde Grausamkeit der Türkenfeinde brach.

Wenn man von der Kuppe des Leopoldsberges in die Ebene hinabsieht, so entrollt sich ein herrliches Bild vor den entzückten Blicken des Beschauers. Wie ein steinernes Meer dehnen sich zu Füßen der Anhöhe die Häusermassen Wiens aus, umschlossen im Norden vom schimmernden Bande des Donaustroms, jenseits dessen die Ebene des Marchfelds im blauen Dunste der Ferne sich verliert, während lachende Fluren und dunkle Wälder sich dort und da ins Häusergewirr hinabsenken und dasselbe umkränzen.

Selten denkt der Beschauer, den die Lieblichkeit und Pracht dieses Gemäldes gefesselt hält, daran, daß er auf geweihten, geschichtlich denkwürdigen Boden steht, daß von der Stelle, auf welcher jetzt das Kirchlein des Leopoldsberges sich befindet, einst die Scharen des Polenkönigs Sobiesky und des Lothringer Herzogs Karl hinunterstürmten und daß damals das große stolze Wien nicht von Gärten und Landhäusern lieblich umkränzt, sondern von den zahllosen Zelten und Feuerschlünden der Türken eingeschlossen war.

Welche furchtbare Folgen wären eingetreten, wenn Wien in diesen Kämpfen unterlegen wäre! Vielleicht mochte der ländergierige hochmütige französische König Ludwig der XIV., der zur Zeit des zweiten Türkenkrieges der erbittertste Feind des Habsburgerischen Herrscherhauses war, bereits davon träumen, sich mit dem Sultan in Constantinopel die Herrschaft über Europa zu teilen.

Aber es kam anders. Wien wurde zweimal ein Hort des Christentums und ein unzerstörbarer Damm, an dem die verheerenden Wogen der Türkenkriege sich schließlich für immer brachen.

Nach der Schlacht von Mohács im Jahre 1526, in welcher der Ungarnkönig Ludwig, in der Blüte seiner Jahre seinem unglücklichen Schicksal erlegen war, strebte der Wojwode Siebenbürgens Johann Zapolya nach der Krone des heil. Stefan, obwohl diese, wie wir wissen, alten Verträgen zufolge, dem Enkel Maximilians, dem Erzherzog Ferdinand, Bruder des Kaiser Karl V. gebührte.

Namensloses Unheil beschwor der ehrgeizige Zapolya über das Ungarland und Österreich herauf, als er die Türken herbeirief, um seine Ansprüche zu unterstützen.

Der Sultan zögerte nicht lange mit der für unser Vaterland so verhängnisvollen Hilfe. Im April des Jahres 1529 brach er von Constantinopel auf und am 21.September drangen die Türken mit 300.000 Mann und 300 Geschützen in Niederösterreich ein.

Weit waren dem Hauptheer die berüchtigten Horden der "Senger und Brenner" unter der Führung des grausamen Michael Oglu vorangeeilt, überallhin Entsetzen und Verwüstung tragend.

 

Wien war in höchster Gefahr. Erzherzog Ferdinand weilte in Speier, um für das bedrängte Österreich die Hilfe seines kaiserlichen Bruders und der deutschen Reichsfürsten zu erbitten. In Regensburg übertrug man dem Pfalzgrafen Philipp von Wittelsbach den Oberbefehl in Wien; mit ihm zog ein Haufe deutscher Reichstruppen in die gefährdete Hauptstadt.

Anfangs hatte sich der Bewohner kleinmütige Verzagtheit bemächtigt, denn, obwohl man schon vor drei Jahren mit der Ausbesserung der Befestigungsanlagen begonnen hatte, waren diese noch keineswegs in gutem Zustande. Die alten, stellenweise zerfallenen Mauern waren kaum sechs Fuß dick und boten dem feindlichen Geschütz und Ansturm keinen genügenden Widerstand; ebenso waren Palisaden und Wälle nicht hinreichend fest und sicher.

Dennoch kehrte Mut und Entschlossenheit gar bald in die Herzen der zagenden Wiener Bürger zurück. Der Mann der dies bewirkte, der rasch die trefflichsten Anstalten zur Verteidigung traf, auf den Hauptpollwerken, den Basteien und bei den Toren, wie bei der Burg, bei den Schotten, bei den Augustinern, am Stubentor, am Judentor, am Salzburgerturm, beim Werdertor, beim Kärntnertor, große und kleine Geschütze aufstellen ließ und überhaupt die Seele der Verteidigung war, war der greise Held Niklas von Salm, Besitzer eines Hauses auf dem heutigen Josefsplatz. Ihm zur Seite stand ein nicht weniger erprobter Kriegsmann, des erstgenannten Schwiegervater, Wilhelm Freiherr zu Roggendorf. Außerdem nennen wir von den Helden, die damals zu Wien sich mit Ruhm bedeckten, den obersten Zeugmeister der niederöstereichischen Landschaft Ulrich Leyser, den niederösterreichischen Statthalter Georg Puchhaim und den Wiener Bürgermeister Wolfgang Frey.

Schon am 22.September erschienen die Türken im Angesicht der Stadt und am selben Tage bereits wurden Wiens Vorstädte von den Verteidigern selbst in Flammen gesteckt. Während noch der Brand wütete, streiften schon die Janitscharen bis nach St. Marx und bald war die Stadt von Simmering bis Nussdorf und Heiligenstadt von dem furchtbaren Gürtel der Belagerer eingeschlossen.

Ungefähr da, wo noch jetzt das sogenannte Neugebäude steht, in der Nähe des Zentralfriedhofes erhob sich, von der Fahne des Propheten überragt, das prächtige, überreiche Zelt des Großsultans, so daß der heutige Zentralfriedhof genau an der Stelle sich ausdehnt, wo damals der Mittelpunkt des Türkenlagers gewesen. Schon am 23.September machte die Besatzung einen Ausfall und von den Gefangenen, welche die Türken dabei machten, vernahm der Sultan mit unmutigem Verdruß, daß die Stärke der Besatzung viel größer sei, als er es sich gedacht und daß die Wiener zum Äußersten entschlossen seien.

Alsbald begann die grause Musik der Geschütze zu spielen und die Türken machten verzweifelte Anstrengungen, die Lücken und Breschen, die sie in die Mauern geschossen, zu erstürmen; auch Minen (unterirdische Gänge, um die Befestigungen zu sprengen) wurden nach der damaligen Kriegsweise gegraben, doch die Wachsamkeit der Belagerten machte alle Anschläge der Feinde zu Nichte.

Hierbei soll es geschehen sein, daß, wie eine alte Überlieferung, von der man nicht weiß, ob sie mehr Sage oder Geschichte enthält, zu erzählen weiß, die Türken bis zu einem Hause am "Heidenschuß" den Boden unterminiert hatten, und daß ein Bäckerbursche, der im Keller Wache hielt, die unterirdische Arbeit der Feinde durch die hüpfende Bewegung von Würfeln, die auf einer Trommel lagen, entdeckt haben soll. Als er davon dem Stadtkommandanten Mitteilung machte, wurde durch rasche Gegenarbeiten der Anschlag des Feindes vereitelt.

Davon erhielt der "Heidenschuß" seine Benennung, weil die Wiener die Türken kurzwegs Heiden nannten, und auch das Schild des Hauses, das einen reitenden Türken, der seinen Pfeil abschießt, darstellt, soll davon herrühren. Die Witwe dieses Gesellen aber betrieb noch im Jahre 1585 ein renommiertes Bäckergewerbe im sogenannten Kipferlhaus in der heutigen Grünangergasse.

Vielleicht ist auch die Entstehung und Form des so beliebten und so schmackhaft zubereiteten Wienergebäcks, der Kipfeln, auf die Erinnerung an den so glorreich besiegten türkischen Halbmond zurückzuführen. Wenigstens lebt dies in der Überlieferung des Volkes fort, und darauf deutet schon der Bäckeraufzug, der noch bis zum Jahre 1809 üblich gewesen. Er fand alljährlich vom Innungshaus der Bäcker am Salzgries statt und bei demselben wurde der historisch merkwürdige, aus massivem Silber getriebene große Innungsbecher vorangetragen, der in seinen Figuren und Verzierungen an die schwere Zeit der Türkenbelagerung erinnert.

Doch kehren wir wieder zur Erzählung der Belagerung zurück. Drei Hauptstürme mit je dreimaligem Anlaufe unternahmen damals die Türken; immer wurden sie siegreich und heldenmütig zurückgeschlagen. Bei dem letzten Hauptangriffe, den die schon ganz entmutigten und verzweifelten Feinde am 14. Oktober ausführten, geschah es, daß der unermüdliche Leiter der Verteidigung, der damals einundsiebzigjährige Niklas Salm auf dem Walle neben dem Kärntnerturm von einem abspringenden Steine gefährlich am Schenkel verwundet wurde und vom Platze getragen werden mußte.

Salm starb auch an den Folgen dieser schweren Verletzung am 4.Mai 1530. Kaiser Ferdinand ließ dem hochverdienten Helden ein prächtiges Denkmal in der Dorotheerkirche errichten. Als dieses Gotteshaus unter Kaiser Josef II. aufgehoben wurde, kam das kostbare Monument in die Familiengruft des Salm'schen Geschlechtes nach Raitz in Mähren, wurde aber in jüngster Zeit (dieser Bericht stammt aus dem Jahre 1888) nach Vollendung der Votivkirche in diesem herrlichen Dome wieder aufgestellt.

Das Monument ist aus grauweißem Marmor, und seine vier Seitenwände sind mit zwölf größeren Schlachtenbildern und ebensoviel kleineren Medaillons, Bildnissen berühmter Zeitgenossen, verziert. Besonders kunstvoll aber ist der Deckel des Sakophages gearbeitet, der in Lebensgröße die Statue des tapferen Grafen selbst darstellt. Er ist in kniender Stellung abgebildet, wie er vor dem Kreuze betet, in vollem Harnisch, den Helm auf dem Haupte und das mächtige Schwert an der Seite. Ihm zu Füßen liegt das Wappen des Geschlechtes mit den beiden Salmen im Schilde und zu Häupten des Knienden weißt ein flatterndes Band den Wahlspruch des Geschlechtes auf: -Tibi soli gloria, "Dir allein sei Ruhm".

Bald nach dem Sturme, bei welchem der kühne und unerschrockene Verteidiger Wiens eine so schwere Wunde empfing, ließ Sultan Soliman die Belagerung Wiens aufheben, nicht, wie er so ruhmredig verkündete, weil er den Wienern seine Gnade und Verzeihung angedeihen lassen wollte, sondern in Wahrheit, weil er den herannahenden Entsatz fürchtete und weil er den ausdauernden Mut der Wiener gänzlich unterschätzt hatte.

Freilich nahmen die Türken an den armen Gefangenen, von denen hunderte in Stücke gehauen wurden, noch vor ihrem Abzuge grausame Rache und ebenso furchtbar wurde Wiens nächste Umgebung, wie Döbling, Penzing, Hietzing, Hütteldorf, St.Veit, Perchtoldsdorf, Mödling mitgenommen und mit Mord und Brand heimgesucht.

Etwas über anderthalbhundert Jahre währte es, daß die gesegneten Triften Österreichs und die Kaiserstadt an der Donau von der grausamen Wut der Türken verschont blieben. Es war im Jahre 1683 unter der Regierung des Kaiser Leopold I., daß Wien eine zweite, noch viel härtere und gefahrvollere Belagerung aushalten mußte.